Grenz-Echo, 19.04.2010
Bildunterschrift: Vor der mit zeitgenössischer Bildkunst bestückten Kulisse im Grenzlandtheater Aachen agierte das Team unter der Regie von Ulrich Wiggers dynamisch und eindrucksvoll. Das Publikum gab der Inszenierung gute Punkte.
Alte Freunde«: Ein Stück zum Nachdenken im Grenzlandtheater Aachen
Männer zwischen Ego und Wahlverwandtschaft
Von Sibylle Offergeid
Fast alle wollen Bindungen. Möglichst knotenfrei, mit losen Enden und ohne das Gefühl, stranguliert zu werden. Nur wahre Freundschaft hebelt den Fluchtinstinkt aus.
Am Gefühl der Freundschaft wärmt man sich wie an einem bullrig warmen Ofen im Winter. Vor allem Männer scheinen das Empfinden wortloser Verbundenheit bei gleicher Ebene der Wertigkeit zu schätzen. Wie Freundschaften funktionieren, oder auch nicht, untersuchte die Autorin Maria Goos.
In ihrem Schauspiel »Alte Freunde« ist sie der romantisch verbrämten Wahlverwandtschaft zwischen Männern auf der Spur. Ihre Analyse ist witzig, voller Schmunzeleffekte, aber im Kern, bitterernst. Die Regie (Ulrich Wiggers) bläst Dynamik in zähflüssige Passagen, das Bühnenbild (Walter Schwab) fügt pastellfarbene Leichtigkeit hinzu.
Vor einer mit zeitgenössischer Bildkunst bestückten Kulisse im Aachener Grenzlandtheater schwelgt der sensible Pieter (Frank Watzke) bei Puccini-Klangmacht Im ornament-reichen Gewand (Kostüme Heike M. Schmidt, Zarah Boras) in der Pose des von Melancholie umflorten Bayernkönigs Ludwig.
Melancholie
Die Kollegen der Kommune sitzen dem Kunstfreund im Nacken. Er soll längst veräußerte Gemälde zurückgeben. Freund Tom, einst Top-Anwalt (Tim Riedel), könnte helfen, wäre er nicht dermaßen' verkokst. Auch Joep (Heinz Simon Keller) könnte seine Beziehungen zum Ministerium spielen lassen.
Gefährte Maarten (Michael Schwager), Theaterregisseur, berauscht sich an großen Worten über den unverbrüchlichen Zusammenhalt.-.' der Freundschaft. Unlängst hat er sich Joeps halbwüchsiger Tochter genähert. Da schwankt die Front aus Treueschwur und Loyalitäts-Allianz.
Auch die Fassaden der Mittvierziger bröckeln, sie verlieren ihre Hüllen, so wie die Stripperin (Juliane Maria Wolff), deren libidinöse Dienste nicht wie geplant, zum Zug kommen. Irgendwann ist sie nur noch mütterlich Tröstende für einen einsamen, verirrten Mann, der sich noch eben für einen »ganzen Kerl« hielt.
Hier ist die Niederländerin Maria Goos in ihrem Stück ganz nah am Knackpunkt, an der Bruchlinie zwischen Mann und Mensch, zwischen Rollen-spiel und "wahrer Identität, zwischen Illusion und Wirklichkeit. Und die Freundschaft? Ist sie doch nur ein leerer Wahn?
Musketiere
Das Ende der vier Bühnenschicksale wird der Theaterbesucher in seiner Phantasie weiterspinnen. Etwa so: Joep wird Staatssekretär und bricht seine Beziehungen zur- alten Clique ab, Tom endet in der Psychiatrie, Maarten spielt sich weiter selbst etwas vor und Pieter beendet sein nicht., gelebtes Leben. Wie die Musketiere im Abenteuerroman haben alle vom Ideal der Freundschaft geträumt, weil Männer Ideale haben und einen geschützten Raum brauchen, in dem Gruppendynamik Ängste auffängt. Natürlich braucht jeder Mann auch eine kleine Blume, die er liebt.
Dem vielschichtigen Gründeln der Autorin setzen Regie und Choreographie (Marga Render) eine bewegte Motorik entgegen. Gegen Ende des Stücks werden die Szenen kürzer. Das Publikum gab der Inszenierung und der eindrucksvollen Schauspielkunst gute Punkte und applaudierte freudig.